1. Wir stecken unsere Mitarbeiter oft in Schubladen
So hart das klingt, es ist Fakt – und durchaus menschlich.
Oft sind es Äußerlichkeiten, wegen derer wir auf Charaktereigenschaften, Stärken oder Schwächen schließen.
Das kann z.B. eine stattliche Person sein, der wir automatisch die Eigenschaften „stark, widerstandsfähig, wird mit allem fertig“.
Oder andersrum ein Mensch von eher zierlicher, zerbrechlicher Natur, den/die wir als „schwächer, schafft er/sie das?“ einschätzen.
Oder wir fällen unser „Vor-Urteil“ an Hand bisher gemachter Erfahrungen. Wenn jemand vor kurzem eine wichtige Aufgabe so richtig „versemmelt“ hat, machen wir schnell die Schublade „ungeeignet“ auf.
Ich könnte jetzt noch allerhand Beispiele dazu aufzählen, aber Sie wissen schon, was ich mit den „Schubladen“ meine.
Dass wir Menschen oft zu einem solchen Verhalten neigen, mag die eine Sache sein.
Aber es ist etwas ganz Anderes, wenn Sie Führungsverantwortung haben oder ein Unternehmen leiten – da wäre es fatal und falsche Entscheidungen wären unweigerlich die Folge.
Ich zeige Ihnen im Folgenden einige klassische Situationen auf – mit Hilfe meiner "tierischen Darsteller". Zum Schluss finden Sie einige Tipps, was Sie tun können, damit Sie sich nicht mehr täuschen lassen.
Wir starten zuerst mal mit meinen beiden Darstellern, die Sie vielleicht aus meinen Blogs und Videos schon kennen:
Kromfohrländer "Jule", agil, pfeilschnell, lange und kräftige Beine, mittelgroß
Dackel "Finni", eher behäbig, kurze Beine, klein
(beides Weibchen)

Wie denken Sie, sind die beiden Hunden vom Charakter her? Wie kommen Sie mit unterschiedlichen Situationen zurecht?
Sie müssen dazu kein Hundekenner sein; geben Sie einfach für sich Ihre Einschätzung ab, auf Grund dessen, was Sie bisher wissen.
2. Unsere klassische Rollenzuordnung kann uns täuschen
Sie ahnen es schon: ich habe Sie auf eine falsche „Fährte“ geführt: der „große“ Hund kann nämlich ein ziemlicher Angsthase sein, wenn sie auf Unvorhergesehenes trifft – im folgenden Video die Kühe.
Wohingegen der „kleine“ Dackel völlig unbeeindruckt dem nachgeht, was ein Dackel eben so tut.
Der - richtiger gesagt – die „Kleine“ zieht einfach gemächlich dahin …

… und „dackelt rum“ ;-)

Und der, pardon: die „Große“, vermeintlich Stärkere?
Müsste die auf Grund ihrer Größe und Schnelligkeit nicht mit allem fertig werden, oder zumindest wissen, dass sie schnell Abstand gewinnen und ihr daher nichts gefährlich werden kann?
Wie man sieht, hat sie tatsächlich Abstand gewonnen: sie ist bis zum Waldrand gesprintet und hat den maximal möglichen Abstand gesucht!
Erst durch Rückruf – und gutes Zureden – hat sie sich wieder zu uns gesellt.

(auf dem Bild ist noch die Spur zu erkennen, wie sie durchs hohe Gras gepflügt ist)
Was zeigt uns das?
Lassen sich Parallelen in unserer Arbeitswelt finden?
Durchaus.
Denn genauso, wie Sie auf Grund von Äußerlichkeiten meiner Bilder und Videos vielleicht auf ein bestimmtes Verhalten geschlossen haben, kann es Ihnen auch als Führungskraft im täglichen Umgang mit Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gehen –
nämlich, dass Sie in Schubladen denken.
Auf einen weiteren Aspekt, der auf vorigem Bild angedeutet wird, möchte ich Sie noch hinweisen:
manchmal haben Sie in Folge von gemachten Fehleinschätzungen alle Hände voll zu tun, das „Team“ wieder zusammenzubringen – Sie wissen sicher, wovon ich spreche.
Mit solchen Sachverhalten habe ich in meiner Arbeit in Unternehmen häufig zu tun, das ist nichts Ungewöhnliches.
(Das wird Gegenstand eines anderen Blogs oder Videos sein)
3. Aber es kann auch genau andersrum gehen
Also ist unsere „Große“, die Kromfohrländerin ängstlich?
Und die kleine Dackel-Dame furchtlos und unerschütterlich?
Oder wie man im Hundehalter-Jargon sagt: der Dackel hat die „Lederjacke“ an?
Leider wieder falsch :-(
Wie im folgenden Video zu sehen, sucht „Finni“ regelrecht den Blickkontakt, fast schon ein hilfesuchender Blick. Mit irgendetwas scheint sie nicht zurecht zu kommen, irgendetwas macht ihr Angst.
Aber nachdem sie im Windschatten der „Großen“ (und an Herrchens Seite ;-) wieder mehr Vertrauen gefasst hat, ist alles wieder gut.
Die Parallele in Unternehmen ist offensichtlich:
selbst wenn Sie meinen, ein Team-Mitglied (oder das ganze Team) auf Grund schon gemachter Erfahrungen einschätzen zu können …
… können sich die gewohnten Verhältnisse schnell mal umkehren.
Deshalb gilt es, stets wachsam zu sein, ob jemand aus der Mannschaft mit der gestellten Aufgabe oder Rolle zurecht kommt, oder ob er/sie etwas braucht.
(=> Nennt man auch Mitarbeiterführung ;-)
Das ist - kleiner Spoiler - genau der Ansatzpunkt, um diese Situationen in den Griff zu bekommen.
4. Und wenn alles wieder augenscheinlich ok ist?
Angenommen, Sie haben Ihre "ersten Schubladen schon wieder zugemacht."
Und weiterhin angenommen, Sie haben jetzt bei einem Teammitglied gesehen, wie eine Unsicherheitsphase überwunden wurde und es wieder „läuft“ – gibt es dann wenigstens Gewissheit?
Leider wieder nein :-(
Erstens, weil die Situationen und Rahmenbedingungen in Unternehmen sich laufend ändern, und
zweitens, weil es so etwas wie eine persönliche Tagesform gibt.
Im Video zeigt die Dackel-Dame ein ähnliches Verhalten: wie sie ganz plötzlich extrem unsicher wird, ganz dicht bei mir bleibt - selber Wald, selbe Strecke.
(Auflösung: im Wald wurde ein Baum gefällt, das Geräusch konnte der Hund nicht zuordnen)
Das bedeutet, als Führungskraft immer Augen und Ohren offen zu halten und – sorry für die wenig griffige Formulierung – den „Puls des Teams spüren“.
Das ist in der Tat aufwändig und bedarf des Kontakts mit jedem Teammitglied.
Ich höre auch schon Ihre gedanklichen Einwände:
„Aber ich habe doch nicht die Zeit, jedem meiner 35 Team-Mitglieder, für die ich als 'Tribe Lead' verantwortlich bin, den Puls zu fühlen?!“
Nun, zuerst gilt es, sich wichtige Fakten und Wahrheiten zum Thema Führung zu vergegenwärtigen - auch wenn diese vielleicht etwas unbequem für Sie sein könnten:
Führungsarbeit ist aufwändig (u.a. Mitarbeitergespräche, Teammeetings, Konfliktlösungen, Unterstützung, Delegation, Coaching)
Sie als Führungskraft haben die Aufgabe, all dies fürs gesamte Team abzudecken und sich die Zeit dafür nehmen.
Als Faustregel müssen Sie durchschnittlich ca. 30-50% Ihrer Arbeitszeit rein für Führungsaufgaben veranschlagen (etwas abhängig von Ihrer Position, der Anzahl Mitarbeiter und vom Unternehmen).
Studien belegen jedoch: in den meisten Unternehmen wenden die unteren Führungsebenen in der Regel viel zu viel Zeit für operative Tätigkeiten auf!
=> Folglich bleibt diesen Führungskräften zu wenig Zeit für Führungsaufgaben.
Und jetzt Hand aufs Herz:
=> Wie schätzen Sie sich persönlich ein?
=> Was ist Ihr Prozentsatz?
5. Tipps, wie Sie mehr Verbindung zu Ihrem Team aufbauen können
Die gute Nachricht: dazu braucht es keine komplexe Strategie. Sie bekommen nur zwei Aufgaben von mir:
Immer wieder!
Mit Lesen dieses Artikels ist das erstmalig schon passiert - wenn Sie sich mit dem Inhalt auseinander gesetzt haben.
(Warum das so ist, erkläre ich im nächsten Blogartikel dieser Serie.)
2️⃣ Prozentsatz der Arbeitszeit für Führungsaufgaben ermitteln bzw. was zu kurz kommt
Dadurch rückt das Thema "Führungsarbeit" in Ihren Fokus und Sie werden automatisch und unweigerlich mehr Zeit darauf verwenden.
Zu 2️⃣: Ermittlung des Prozentsatzes bzw. der Defizite
Wählen Sie aus den folgenden drei Methoden diejenige, die Sie anspricht:
Exakt messen
Eine Woche lang Selbstüberprüfung mittels eines Time-tracking-Tools (Handy-App)
Schätzen
Sie schätzen regelmäßig am Ende eines halben oder ganzen Tages, wie viel Zeit Sie für Führung verwendet haben
Defizite "spüren"
Sie listen wöchentlich die Führungsthemen für sich auf, die Ihrer Meinung und Gefühl nach zu kurz kommen - und sind ehrlich dabei.
Machen Sie die gewählte Methode zu Ihrer persönlichen Routine.
Wenn Sie mit der gewählten Methode überhaupt nicht zurecht kommen, können Sie diese wechseln.
Wichtig ist jedoch, dass Sie dann einige Zeit bei einer Methode bleiben; so sehen Sie Ihre Fortschritte und bekommen die Bestätigung für sich.
Ich bin zuversichtlich (mit meiner Jahrzehnte-langen Erfahrung in diesem "Geschäft"), dass Sie mit der Aufmerksamkeit, die Sie dem Thema jetzt schenken, und meinem Vorgehensplan …
sich nicht mehr so leicht von Äußerlichkeiten täuschen lassen
das Thema Führungsaufwand in den Griff bekommen werden
ein gesünderes, für Ihre Rolle angemessenes Verhältnis Operatives/Führung erlangen werden
Ihrem Team gerechter werden
sich selbst als komplettere Führungskraft erleben können.
6. Abschluss
Zum Ende lassen Sie uns nochmal auf unsere beiden Darstellerinnen schauen:

Wie schätzen Sie die zwei jetzt ein?
Und wie schätzen Sie selbst sich jetzt ein?
Hat sich etwas für Sie persönlich nach dem Lesen des Blogs verändert?
Und wie ging es Ihnen mit meinen Führungs-Tipps?
Ich bin neugierig. Schreiben Sie mir!
Verfasser:
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Profil

Ich bin Rudolf Schmidt, Organisationsberater.
Ich arbeite mit Unternehmen, die feststecken, und mache sie wieder entscheidungsfähig – mit Klarheit, Struktur und elastischer Beharrlichkeit.
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Lassen Sie uns bei einem "virtuellen Kaffee" darüber sprechen, wo Sie Klarheit benötigen.
